Day 12.JPG

Studierende in der Corona-Pandemie

February 22nd, 2022

Article by Elena Dressler

Artwork by Maya Heins

Aufstehen, an den Schreibtisch setzen, flimmern. Den ganzen Tag. Computer zuklappen, durch das Zimmer tigern, schlafen gehen. Corona ist überall: in aller Munde, in jeder Zeitung und jedem Podcast. Hautnah, durch eine Erkrankung, weil wir etwas darüber lesen, darüber sprechen oder andere darüber sprechen hören, ständig sind wir betroffen. In allen Berufsgruppen und Lebenssituationen ist das Thema nach zwei Jahren angekommen. Menschen, die am meisten gefährdet und betroffen sind, leiden wahrscheinlich am meisten unter dem Virus und den Einschnitten, die es mit sich bringt. Das sind vor allem Vorerkrankte oder alte Menschen. Pflegende sowie Ärzt:innen und all diejenigen die jemanden verloren haben. Trotzdem trifft das Virus uns alle. Und während viel über Schüler:innen und Senior:innen berichtet wird, wird über andere Gruppen von Menschen eher nicht berichtet. „Vergessene“ Gruppen. Zum Beispiel Menschen mit Behinderungen oder Studierende. In diesem kurzen Artikel soll es um die Studierenden als „vergessene“ Gruppe in der Pandemie in Deutschland gehen. Warum „vergessen“? Weil diese Gruppe in den täglichen und wöchentlichen Debatten um Corona fast nie eine Rolle spielt. Das sagt sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede an Studierende im April 2021. Er sagte offen, dass die Nöte und Sorgen von Studierenden nicht die täglichen Debatten und Themen der Talkshows bestimmen. Und wenn Studierende in Debatten eine Rolle spielen, dann weil sie im Sommer auf illegalen Raves tanzten und sich mit mehr als den erlaubten Haushalten zum Beispiel im Schanzenpark (in Hamburg) trafen. Und auch wenn Herr Steinmeier die Studierenden um Verständnis bittet und man meint er sei selbst betroffen, so nostalgisch wie er von seiner Studienzeit schwärmt, ist der Staat bei der Unterstützung der Studierenden eher untätiger Zuschauer als Macher. Er erklärt den Studierenden sie müssen durchhalten und die schwierige Gegenwart ertragen, und gleichzeitig bald auch die Zukunft retten, wenn Deutschland sie braucht. Danke dafür. 

 

Neben finanziellen Sorgen und Problemen ist die Zahl der Studierenden mit psychischen Erkrankungen, unter anderem auch wegen der finanziellen Sorgen, extrem gestiegen. Ein Großteil der Studierenden hat wegen der Pandemie ihre Jobs in der Gastronomie und im Einzelhandel verloren. Fest eingeplante Gehälter fielen aus. Gerade internationale Studierende oder Studierende, die selbst aus einkommensschwachen Haushalten stammen, haben es besonders schwer. „Arbeitslose mit großem Wissenschaftsinteresse“ wie es  in der “Heute-Show” formuliert wird. Das trifft es wohl. In Frankreich hat Emmanuel Macron dagegen angekündigt, dass Studierende die gleichen Rechte wie Arbeitnehmer:innen haben und einen Tag Präsenzlehre, sowie mindestens einen Büro-Tag eingeführt.. Außerdem gab es ab Januar 2021 für Studierende das Angebot zwei Mahlzeiten am Tag für einen Euro zu bekommen. In finanzieller Sicht, hat auch die deutsche Politik etwas für ihre Studierenden getan. BAföG wurde verlängert und Corona-Hilfen ausgezahlt. Für die Ärmsten. Für den Rest wurde alles dafür getan, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, damit Jobs wieder nachgegangen werden kann. Nicht feiern, aber wenigstens arbeiten gehen können. In einer vulnerablen Lebensphase, zwischen Persönlichkeitsfindung und Loslösung von den Eltern, kombiniert mit hohen Leistungsanforderungen, braucht es die Hochschule als Ort der Begegnung. Ein Blick hier, ein Gespräch da. Über Zoom dringt die Öffentlichkeit  in den privaten Lebensbereich ein und verhindert so ein gelöstes Gefühl, das eine Offenheit gegenüber den anderen Studierenden ermöglicht. Die Banalität zwischenmenschlicher Kommunikation, die uns hilft, uns selbst zu finden, fehlt. Und so ist es kein Wunder, dass viele Studierende in teils suizidale Krisen geraten, oder nicht mit dem Virus und ihrer Situation umzugehen wissen. Wer dagegen unter Antriebslosigkeit und Müdigkeit leidet, den trifft es fast noch gut. 

 

Da die erste Corona-Welle samt Lockdown in Deutschland mitten in die  Semesterferien gefallen ist, hätten die Universitäten genügend Zeit gehabt, ein solides Online-Konzept, auszuarbeiten. Spätestens hätten sie das aber tun müssen, als klar wurde, dass die Pandemie uns noch eine längere Zeit begleiten wird. Über die vergangenen zwei Jahre fast ausschließlicher Online-Lehre hätte sich dieses Konzept sicherlich auch verbessern lassen, denn Möglichkeiten gibt es mittlerweile genügend. Und als die Inzidenzen in den Sommermonaten niedriger waren, oder spätestens als alle Studierenden ein Impfangebot hatten, hätte man ein gutes Konzept für Präsenz- oder Hybrid-Lehre ausarbeiten können. Aber bis heute, nach vier Semestern in der Pandemie, haben manche Unis immer noch ausschließlich Online-Lehre ohne Konzept und ohne Vorgaben -das Gleiche passiert sogar an Privatunis, bei denen an den Kursen höchstens 20 Personen teilnehmen. Und auch für das Wintersemester  2021/2022, in dem manche Universitäten die Präsenzlehre wieder aufgenommen haben, gibt es kein Konzept für den Fall, dass  die Inzidenzen so stark steigen, wie sie es im Moment aufgrund der Omikron-Variante tun. Und was soll passieren, wenn eine neue Variante kommt, die uns sogar noch im nächsten Sommer begleiten wird. Einen Fahrplan für solche Eventualitäten gibt es bisweilen nicht. Die Präsidien geben die Verantwortung vermehrt in die Hände der Lehrenden ab, anstatt ein klares Konzept vorzulegen. Die Lehrenden sind selbst verunsichert, viele switchen auf Online-Unterricht oder sind teilweise trotz der Bitten der Studierenden nicht gewillt, ein Hybrid-Format anzubieten. Im schlimmsten Fall lassen sie die Studierenden entscheiden und spalten diese weiter. Denn auch unter den Studierenden gibt es zwei Lager: eins für Präsenzlehre mit allen Risiken und Folgen, und dann die anderen, die Angst haben und gern weiterhin Online-Angebote wahrnehmen würden. Hinzu kommt, dass es auch unter Studierenden Risikogruppen gibt, die fast nirgendwo Gehör finden. Ganz zu schweigen, von Lehrenden, die sich der fragilen Raumkonstruktion von vorneherein entziehen und nur Videos oder Skripte zur Verfügung stellen. Diese Form von stumpfem Frontalunterricht ist, ehrlich, eher so mittel-alter. 

 

Ich frage mich also, was haben die Universitäten, und auch die Politik, für die die Studierenden die meiste Zeit der Pandemie ein blinder Fleck war, die letzten zwei Jahre getan? Dass die Politik keine Vorgaben macht, weil andere gesellschaftliche Bereiche Priorität haben (wie Grundschulen o.ä.) ist eventuell noch verständlich. Doch, dass die Universitäten es in zwei Jahren nicht geschafft haben Luftfiltergeräte anzuschaffen -wie es mittlerweile sogar jede Tanzschule geschafft hat- und alle Seminarräume mit Mikrofonen und Kameras auszustatten, damit ein Hybrides-Format problemlos möglich ist, ist und bleibt unverständlich und inakzeptabel. Schon wieder wird für das kommenden Semester eine Präsenzlehre versprochen, anstatt an funktionierenden Konzepten zu arbeiten. Ein Versprechen, das im Rahmen der pandemischen Lage so nicht gegeben werden kann, weil niemand vorhersagen kann, wie uns die nächste Variante zu neuen Maßnahmen zwingt. Stattdessen verhängen die Unis eine 3G Pflicht -was man durchaus befürworten kann- und schließen damit systematisch Studierende aus, die finanziell benachteiligt sind. Denn sie sind es, die sich die Bürger:innentests, die zwischenzeitlich nicht mehr kostenlos waren, nicht täglich leisten können. Manche Unis führen sogar zusätzlich eine FFP2-Maskenpflicht ein, ohne jedoch auf die Idee zu kommen, diese Masken, die deutlich teurer sind als normale OP-Masken, kostenlos zur Verfügung zu stellen. Somit tragen die Unis während der Pandemie auch noch zu einer Spaltung der Studierenden aufgrund von finanziellen Mitteln bei. 

 

Zuletzt soll noch einmal festgehalten werden, dass es deutlich benachteiligtere Gruppen der Gesellschaft gibt, als Studierende. Die Corona Pandemie hat auch den Universitäten gespiegelt, wo es technische und emotionale Mängel gibt und wie fragil die Präsenzlehre ist. Anstatt Lösungen zu finden und sich anzupassen, verharren die Universitäten in Schockstarre und schieben die Verantwortung von sich. Dennoch ist das kein Grund, diese große Gruppe der Gesellschaft, genau wie andere „vergessene“ Gruppen auch, über zwei Jahre lang hinten runter fallen zu lassen. Vor allem dann nicht, wenn sie, wie Frank-Walter Steinmeier es ausdrückte, für die Zukunft des Landes mitverantwortlich sind. Auch die Probleme der Studierenden hätten einige Talkshows und Podcasts thematisch bestimmen müssen. Um es also in den Worten von Frank-Walter Steinmeier auszudrücken: Wir vermissen die Bereitschaft, unkonventionelle Lösungen zu suchen und dann auch zuzulassen, wir vermissen Solidarität, durch Verständnis werden wir nicht wach und motiviert!