Verständnis

April 1st, 2020

Article by Nele Dresen

Street art - artist unknown

Es vergeht wieder ein neues Jahr, in ein paar Tagen werden wir alle wieder eine neues Datum auf unsere Papiere und Dokumente schreiben. Wieder liegen viele Tage hinter uns in denen wir schöne, traurige, lustige und inspirierende Momente erlebt haben. Ich bin froh darüber immer wieder mich für neue Wege entscheiden zu dürfen und zu erleben wie jede meiner Entscheidungen für mein Glück beiträgt oder nicht. Immer wieder lerne ich, dass ich den Ausgang jeder Situation bestimmen kann, je nachdem wie ich auf die Impulse reagiere, die mir begegnen. 

 

Ich bin sehr glücklich, in diesem Jahr mit dem verständnisvollsten Mann in eine Wohnung gezogen zu sein. Er ist das Glück an meiner Seite und mein Anker in dieser Gesellschaft. Wenn alles mir über den Kopf wächst und ich nicht weiß wohin mit mir, weißt er mir immer den Weg und ist für mich da. Wenn mir alles über den Kopf wächst und ich nicht weiß wohin mit mir, schafft er es mir andere Perspektiven und Blickwinkel auf Probleme zu zeigen. Einen Schritt zurück zu gehen und ein klareres Bild von Konstrukten der Gesellschaft zu sehen.

 

Trotz unserer inspirierenden und wohltuenden Beziehung, merke ich wie ich mit der gleichberechtigten Beziehung in meinem Verstand kämpfe. Denn letztens wurde ich erst von jemanden gefragt, wie bei uns die finanziellen Verhältnisse sind. Stolz habe ich erzählt, dass sie ausgeglichen sind, jeder zu gleichen Teilen für Miete, Haushalt und die Ernährung aufkommt. Für mich ist das nicht kleinkariert, denn so wird jede Lebenszeit respektvoll gewertet. Wenn dann dazu auch jeder in gleichen Teilen für die Arbeit im Haushalt sorgt. Und das ist wichtig. Jeder hat seinen Teil dazu beizutragen. Immer und in gleichen Teilen ohne dazu aufgefordert zu werden. Dazu zählen einkaufen, waschen, kochen. Meine Beobachtung in meinem engeren Umkreis wiederholen sich. In den meisten Fällen müssen sich die Freundinnen um die hauslichen Pflichten kümmern. Sie müssen dafür sorgen, dass es etwas zu essen gibt, wenn man hungert hat. Sie müssen sich darüber Gedanken machen, dass rechtzeitig Haushaltsartikel gekauft werden und sich darum kümmern, dass man sich anderen gegenüber, sei es gegenüber der Familie oder Freunden, wertschätzend zeigt. Der frühere Ausgleich hieß damals Brotverdienst. Dort hatte die Frau damals auch den Tag über keine anderen Aufgaben. Mittlerweile jedoch gehen Frauen zusätzlich zu all diesen Verpflichtungen arbeiten. Ich bin dafür sehr dankbar, dass ich Geld verdienen kann und frei darüber entscheide, aber zusätzlich noch einen nicht geteilten Haushalt zu führen ist unverhältnismäßig. Ich möchte nicht nach dem Arbeiten nach Hause kommen, hungrig sein und dann noch für einen Haushalt alleine sorgen müssen. Natürlich kann sich Einer entscheiden die Aufgaben abzugeben und Leute einzustellen, wenn man bestimmte Arbeiten weniger gern macht. Aber das ist nun einmal so bei Aufgaben, die erledigt werden müssen. Sie sind unumgänglich und machen eben nicht immer Spaß und sind entspannend. Viele meiner Freundinnen werden so zur zweiten Mutter. Sie müssen sich wie ihre Mutter und die Mutter ihres Partners darum kümmern, dass Termine eingehalten werden, dass sich um die Familie gekümmert wird und dass man mal außerhalb des Alltags rauskommt. Das dass so weit kommt, ist Beiden geschuldet. Aber Beide müssten das erkennen, bevor daran gearbeitet oder verändert werden kann. Wenn man das denn möchte. Ich weiß, dass mir das nicht passieren wird, weil sowohl mein Freund als auch ich, dass sehen und erkennen was diese Aufgaben sind: Verpflichtungen, die erledigt werden müssen, damit man in einer gesunden, wohltuenden Umgebung leben kann, die sich auf das ganze Leben auswirkt. Und so jeder seinen Zielen und Träumen nachgehen und verwirklichen kann, jeder den Partner und die Mitmenschen inspirieren und motivieren und im erfüllendem Tun Glück finden kann.

 

Noch immer ist die Frau für das Kümmern zuständig. Für das leibliche Wohl und die zwischenmenschlichen Gesten. Noch immer muss die Frau darauf achten, alles nicht so ernst zu nehmen und einfach mal ein bisschen entspannter sein. Noch immer muss die Frau einfach mal „darüber stehen“. Das ist nicht so, weil jemand es böse meint, sondern weil es einfach eine Gewohnheit ist, die sich über hunderten Jahrzehnten entwickelt hat und wir sie jetzt durchbrechen müssen. 

 

Wir müssen eine Mitte finden. Sowohl die Verhaltensweisen als auch die vermeintlichen Interpretationen müssen ein Maß finden, mit dem jeder zurecht kommt und nicht ein Part einstecken muss. Das ist nämlich in meine Augen die „Gleichberechtigung“: Das Finden in der Mitte. Das Treffen in der Mitte und jeder kann das machen und das genießen was er möchte. Niemand muss Dinge alleine machen und gemeinsam ziehen wir an einem Strang.

 

Es gilt für alle. Damit wir mehr noch als zusammenarbeiten, einander verstehen und zusammenhalten. Damit wir eine Gesellschaft formen in der wir uns alle unterstützen und gemeinsam und jeder einzelne Großartiges erschaffen. Wir müssen alle an unseren Gewohnheiten und unserem Miteinander arbeiten. Es verbessern und alles vermeintlich schlechte durchleuchten und darüber nachdenken. Damit Ungerechtigkeiten und Hindernisse überwunden werden können.

 

Was ich damit ausdrücken will, ist nicht, dass alles ordentlich und sauber sein soll, aber dass man an sich selbst arbeitet. Ich wünsche mir für das nächste Jahr, Verständnis und Geduld aufzubringen, über allem darüber zu stehen und fest daran zu glauben, dass niemand es böse meint und alle einfach unschuldig handeln. Aber wie jemand schlaues mal sagte: Unwissenheit schützt nicht vor Torheit. Und wir sollten alle jeden Tag lernen und vor allem dazu lernen und es beim nächsten Mal besser machen. Und deswegen sollten wir alle mehr lesen, verstehen und realisieren, dass wir alle dafür verantwortlich sind, wie es in unserer Welt aussieht. Wir alle haben die Kraft Konventionen und Gewohnheiten zu ändern. Wir haben die Macht Neues zu erschaffen und Situationen zu verbessern, indem wir für unsere Wünsche und Träume aufstehen und für sie eintreten. Und andere Wünsche und Träume zu respektieren, zu schützen und zu unterstützen, damit auch uns geholfen wird. Natürlich kann man darüber diskutieren, was genau mit „besser“ gemeint ist, aber schlussendlich ist es dass, was dazu beiträgt, dass wir alle verstehen und miteinander gut auskommen. Und keine Lebenszeit weniger geschätzt wird als die Andere. 

 

Ich wünsche mir Verständnis in jedem Bereich, weil wir alle unterschiedlich sind und niemals direkt die Taten eines anderen nachvollziehen können. Wir können nur Verständnis für unsere Unterschiede entwickeln und uns an unserer Diversität erfreuen. Denn die ist es, die uns alle zu sehr, sehr besonderen Menschen macht. 

 

Ein frohes neues und verständnisvolles Jahr.

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